Samstag, Februar 04, 2006

Wer sich für Karikaturen entschuldigt , macht sich schuldig

"Diejenigen, die sich für Karikaturen entschuldigen, machen deutlich, dass sie von Pressefreiheit nichts halten."

Interview des Christlichen Medienmagazins "Pro" mit dem Islamexperten Hans-Peter Raddatz - 3.2.2006

Der Konflikt um die Veröffentlichung von Mohammed-Karikaturen hat schon lange die Grenze zwischen kritischem Dialog und gewaltsamer Auseinadersetzung überschritten. Moslems stürmten am Freitag die dänische Botschaft in der indonesischen Hauptstadt Jakarta, aus Protest gegen den Abdruck der Zeichnungen in der dänischen Zeitung "Jyllands-Posten" Ende September. Wir haben mit dem Islamexperten Hans-Peter Raddatz über seine Einschätzung gesprochen.

pro: Ist es in Ihren Augen richtig, dass sich die westlichen Zeitungen, allen voran die "Jyllands-Posten" aus dem dänischen Århus, für die Karikaturen entschuldigen, oder sollte die Meinungsfreiheit als wichtiger betrachtet werden?

Raddatz: Diejenigen, die sich für Karikaturen entschuldigen, machen deutlich, dass sie von Pressefreiheit nichts halten. Wenn sich diese Tendenz fortsetzt, werden wir wieder bei Blasphemiegesetzen und Religionskriegen landen. Diese Art von Erpressung läuft bereits seit Jahren und wird sich bei gleichbleibenden Verhaltensweisen zu einer Minderheitenherrschaft entwickeln, wie sie in der gesamten islamischen Geschichte die Regel ist. Im übrigen gibt es im islamischen Raum eine lange Tradition sogenannter "Karikaturen", die auf zum Teil grausamste Art und Weise das vermeintlich lustige Abschlachten von Juden und Christen darstellen.

pro: Inwiefern prallen hier zwei Welten aufeinander: das Ideal der Meinungsfreiheit im Westen und die Verpflichtung zum Gehorsam und zur Verteidigung der Religion im Islam?

Raddatz: Artikel 4 des Grundgesetzes räumt allen Religionen auf dem Boden des deutschen Rechtsstaates die freie Ausübung ihres Glaubens ein. Im Fall des Islam schließt die "Religion" auch und besonders rechtliche und politische Geltungsansprüche ein. Hierzu gehört insbesondere der Anspruch auf das Gewaltmonopol sowie die Verpflichtung, langfristig die Anwendung der Scharia, also Koran und Tradition, durchzusetzen. Da der deutsche Staat seine eigene Rechtshoheit den Muslimen bislang noch nicht hinreichend als für sie verbindlich klargemacht hat, konnte es zu Fehlentwicklungen, wie überdimensioniertem Moscheebau, islamorientierter Bildung in Schulen und Universitäten sowie vor allem zu massiven Rechtsbrüchen gegenüber den muslimischen Frauen, bis hin zu den unsäglichen "Ehrenmorden" kommen.

pro: Wie, meinen Sie, könnte man den Konflikt beenden?

Raddatz: Indem man nicht nur die eben genannten staatlichen Bedingungen durchsetzt, sondern auch ganz ausdrücklich den Muslimen Achtung gegenüber dem Wertesystem abverlangt, in das sie freiwillig eingewandert sind. Ebenso freiwillig können sie dieses von ihnen abgelehnte Land jederzeit verlassen. Allerdings ist in diesem Kontext festzustellen, dass unsere eigenen maßgeblichen Führungsebenen die Errungenschaften der europäischen Kultur, wie individuelle Freiheit, Menschenrechte und Toleranz nicht wirklich überzeugend vertreten, denn sonst müssten wir heute nicht jenes massive Defizit an Respekt auf muslimischer Seite beklagen.

pro: Glauben Sie, dass sich der derzeitige Konflikt um die dänischen Mohammed-Karikaturen zu einem gewaltsamen Aufstand oder gar zu einer Art Krieg ausweiten kann?

Raddatz: Gerade aus den vorstehenden Argumenten heraus wird besonders deutlich, welches Konfliktpotential in der Gesamtdiskussion steckt. Wer keinen Wert auf Pressefreiheit und individuelle Menschenrechte legt, braucht sich nicht zu wundern, wenn ein totalitäres System wie die radikale Form des Islam sich derzeit in Europa immer stärkere Geltung verschafft. Nehmen Sie nur den jüngsten Fall in einer langen Kette ähnlicher Vorgänge, nämlich den Terroristen Adel Mechat, den ein absurdes Asylrecht nun erneut einreisen lassen muss, obwohl sämtliche Sicherheitsbehörden Alarm schlagen. Ganz allgemein können wir ohnehin davon ausgehen, dass unsere "Dialogkräfte" radikale Islamvertreter der schweigenden liberalen Mehrheit vorziehen, die daher auch bislang überhaupt nicht zu Wort gekommen ist. Diese Strategie stößt nicht nur auf völliges Unverständnis bei den aufgeklärten Muslimen, sondern missachtet auf zynische Weise die unzähligen Opfer, die es Europa gekostet hat, um das hohe Gut des freiheitlichen Rechtsstaates zu erreichen.

VON: JÖRN SCHUMACHER/AD | 3.02.06

Hans-Peter Raddatz ist promovierter Orientalist und Autor zahlreicher Bücher zum Thema Islam. Zuletzt erschien sein Buch "Allahs Frauen - Djihad zwischen Scharia und Demokratie". In wenigen Wochen veröffentlicht Raddatz das Buch "Weltrisiko Iran".