Montag, Dezember 05, 2005

Muslime bedrohen unsere Freiheit

FAZ 5.12.05

Die Zeitungsleute sollen sterben
Pakistanische Jamaat-e-Islami setzt 7000 Euro Kopfgeld auf dänische
Karikaturisten aus

STOCKHOLM, 4. Dezember

Die Jugendorganisation der pakistanischen Jamaat-e-Islami, einer
fundamentalistisch ausgerichteten religiösen Partei, hat zwölf
dänische Zeichner, die für die Tageszeitung "Jyllands-Posten" in
Karikaturen entgegen dem Bildverbot des Korans den Propheten Mohammed
gezeichnet haben, mit dem Tode bedroht und ein Kopfgeld von jeweils
7000 Euro auf sie ausgesetzt. Der dänische Ministerpräsident Anders
Fogh Rasmussen hat die Drohungen als unannehmbar und beunruhigend
kritisiert und wiederum darauf verwiesen, daß die Meinungs- und
Pressefreiheit ein Grundwert der dänischen Gesellschaft sei. Auch die
sozialdemokratische Oppositionsführerin Helle Thorning-Schmidt sprach
von einem inakzeptablen Angriff auf die Demokratie und forderte, daß
die pakistanische Regierung, so wie es der pakistanische Botschafter
in Kopenhagen bereits tat, sich davon öffentlich distanziere.
Rasmussen sagte, die Drohungen erinnerten an die Fatwa gegen den
Schriftsteller Salman Rushdie.

Die dänische Sicherheitspolizei mahnte die zwölf Karikaturisten, die
Warnungen ernst zu nehmen und "aufzupassen", wenn sie auf die Straße
gingen, will ihnen aber keinen Personenschutz bieten. Der dänische
Botschafter in Pakistan warnte Dänen vor Reisen nach Pakistan. Eine
Gruppe dänischer Muslime reist in mehrere muslimische Länder, um über
den Konflikt zu berichten und darauf zu verweisen, daß dies als eine
Beleidigung nicht nur der 50 000 muslimischen Gläubigen in Dänemark
zu betrachten sei, sondern als Beleidigung der 1,3 Milliarden
Rechtgläubigen in der Welt.

Die Kontroverse um die dänischen Karikaturen hatte elf muslimische
Staats- und Regierungschefs, am nachhaltigsten aus der Türkei und
Ägypten, zu einer internationalen Kampagne gegen Dänemark bewogen.
Die türkische satirische Monatszeitschrift bildet Rasmussen in einer
Zeichnung zusammen mit dem inhaftierten kurdischen PKK-Führer
Abdullah Öcalan ab: beide unbekleidet zusammen im Bett. Damit will
sie "die dänische Meinungsfreiheit und Toleranz prüfen", wie sie
sagt. Auf der Zeichnung sehen Rasmussen und Öcalan den kurdischen
Fernsehsender Roj TV. Der türkische Ministerpräsident Erdogan war
kürzlich aus einer gemeinsamen Pressekonferenz mit Rasmussen, in der
es um die Karikaturen in "Jyllands-Posten" ging, gestürmt, als er
eine Reporterin von "Roj TV" unter den berichtenden Journalisten
erblickte.

Interveniert hat in der Affäre jetzt sogar die Regierung der
Vereinigten Staaten: Sie hat das dänische Außenministerium in einem
Schreiben aufgefordert, "Roj TV" und zwei weitere in Dänemark
arbeitende Medien zu verbieten. Die Türkei verlangt von Dänemark seit
zwei Jahren, den Sender, der von Dänemark aus nach Europa und in den
Nahen Osten ausstrahlt, einzustellen. Washington hat sich offenbar
die türkischen Argumente zu eigen gemacht, etwa die Behauptung, der
Sender habe Verbindungen zu der kurdischen Bewegung PKK, die auf der
Terrorliste der EU steht, und er rufe zum Aufstand gegen die
türkische Regierung auf. Rasmussen und der dänische Außenminister Per
Stig Moller - beide vertreten bürgerlich-konservative Parteien, die
sich Amerika bis dato auch durch den dänischen Beitrag zum
Kriegseinsatz im Irak verbunden fühlten - wollten die amerikanische
Aufforderung nicht kommentieren. Moller sagte indes, er kenne bisher
keine Hinweise, welche die Vorwürfe gegen den Sender belegten.
Nichtsdestotrotz ermittelt die dänische Polizei gegen Roj TV. ROBERT
VON LUCIUS

Text: F.A.Z., 05.12.2005, Nr. 283 / Seite 46

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"... scheint mir die Vaterlandsliebe des Akademikers vor allem darin
sich zu erweisen, daß er dem eigenen Volke die Wahrheit sagt" (Max
Horkheimer 1954).
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Die ÖFFENTLICHE MEINUNG ist "so etwas wie das Nervensystem der
Demokratie ... Wenn die öffentliche Meinung in den Händen derer
ist, die durch sie kontrolliert werden sollen, dann ist - um im
Bilde zu bleiben - das Nervensystem unter Vollnarkose"
(Martin Walser: Über Macht und Gegenmacht).