Dienstag, Januar 17, 2006

Muslim-Fragebogen

DIE WELT 17.01.2006

Grenzen der Religionsfreiheit
Gastkommentar: Fragebogen für Einwanderer - Von Hans-Peter
Raddatz von Hans-Peter Raddatz

Baden-Württembergs Innenministerium hat einen "Gesprächsleitfaden"
entwickelt, mit dem die Verfassungstreue von Einbürgerungswilligen
ermittelt werden soll. Da die Fragen wesentlich auf Moslems abzielen,
ging deren deutsche Lobby auf bewährten Konfrontationskurs: Wieder
einmal war es angeblich die übliche "Islamophobie", die die Moslems
unter "Generalverdacht" stellte. Moslemverbände in Deutschland haben
inzwischen die Organisation Islamischer Staaten (OIC) zum Protest
aufgerufen und Klage gegen das Papier angekündigt.

Zwei Drittel der 30 Fragen betreffen den Themenkomplex Frauen
und
Familie. Wie hält es der Antragsteller mit der Gleichberechtigung, mit
der männlichen Gewalt gegen Frauen, mit den Mädchen in der schulischen
Koedukation? Frage Nummer neun offenbart tieferen Einblick in das
eigentliche Problem: "Halten Sie es für einen Fortschritt, daß Männer
und Frauen in Deutschland kraft Gesetz gleichberechtigt sind? Was
sollte der Staat Ihrer Meinung nach tun, wenn Männer dies nicht
akzeptieren?" Hier gerät die Dominanz des koranischen Gesetzes auf den
Prüfstand, das eindeutig die männliche Dominanz und ihre Gewaltlizenz
gegen die Frau festschreibt. Aus moslemischer Sicht bedroht eine sich
selbst bestimmende Frau die Lebensmitte des Islam. Islamisten und ihre
Helfer sehen somit den Vormarsch der Scharia in den demokratischen
Rechtsstaat gefährdet.

Moslemverbände können mittlerweile fest mit den proislamischen
Reflexen rechnen, die mehrheitlich vom linksgrünen Spektrum in
Politik, Universität, Kirche und Medien kommen. Dort sind keine
vernünftige Karriere und kein Fördergeld mehr ohne das Bekenntnis zum
"Frieden des Islam" zu bekommen. Die intellektuelle Linke hat sich
dagegen von diesen Mechanismen gelöst, weil sie den Islamsympathien
der extremen Rechten fatal ähneln und - sich gegen die Frau richten.

Wer die Szene kennt, wunderte sich nicht, daß der jüngste
Islamreflex
die deutsch-türkische Buchautorin Necla Kelek aufs Korn nahm, die an
der Thematik des Einbürgerungsleitfadens mitgewirkt hat. Dabei sind es
nicht immer unbedingt Männer wie Cem Özdemir von den Grünen, die Kelek
als "Drewermann des Islam" sehen. Auch Frauen wie die Soziologin
Elisabeth Beck-Gernsheim sprechen der Soziologin Kelek die
Wissenschaftlichkeit ab. Damit erzeugt Beck-Gernsheim den Vorwand,
Keleks türkische Gewalterfahrungen mit "Angstphantasien
fremdenfeindlicher Deutscher" gleichzusetzen - eine Position, die
nicht nur im akademischen Bereich allemal förderungswürdig ist.
Beispielhaft für die islamische Korrektheit steht die
deutsch-iranische Orientalistin Amirpur, die einst zur Diskussion
stellte, ob als Strafe für den Ehebruch statt der Steinigung eventuell
das Hängen eine humanere Alternative sein könnte.

Wie dem auch sei, theoretisch steht der "Leitfaden" quer zum
Gesetz
Allahs. Er gefährdet das islamische Hauptdogma vom überlegenen Mann,
der die Frau beherrschen muß, um Allahs Gemeinschaft zu bewahren. In
der Praxis können die Moslems die Sache gelassen angehen. Was immer
sie unterschreiben - nach ihrem Recht ist jede Vereinbarung mit
nichtislamischen Rechtssystemen nichtig. Dies wird so bleiben, solange
das deutsche Grundgesetz den omnipotenten Islam-Mann unter
Religionsfreiheit stellt. Es hat sich längst gezeigt, daß die
Grundrechte der Frau mit den Schranken des Strafrechts allein nicht
geschützt werden können. Da der politische Wille zu rechtsstaatlichen
Maßnahmen fehlt, werden die Probleme weiter zunehmen. Diese
Entwicklung wirft die interessante Frage auf, wer sich in was
integrieren wird. Derzeit haben radikale Moslems in diesem Wettbewerb
die Nase vorn: Während man sich die liberalen vom Leibe hielt, wurde
die islamische Gewalt zum Tabu.

Die verbalen Verbeugungen der deutschen Islamprofiteure sind so
banal
wie ihre gesamte Ideologie: "Nicht alle" Moslems schlagen oder töten
ihre Frauen, und die es tun, handeln angeblich aus Notwehr gegen den
"Menschenrechtsfundamentalismus" der Demokratie. In diesem
gewaltbesetzten Gerede ist die Türkin H. Sürücü schon fast
untergegangen. Vor Jahresfrist wurde sie auf offener Straße in Berlin
von ihren Brüdern gestellt und erschossen. Sie wollte nicht nach den
Grundsätzen leben, die der "Leitfaden" nun durch die innere
Selbstprüfung der Neubürger außer Kraft setzen soll.

Der Autor ist Islamwissenschaftler und veröffentlichte zuletzt:
"Allahs Frauen - Djihad zwischen Scharia und Demokratie" (Herbig)

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Artikel erschienen am Di, 17. Januar 2006

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