Mittwoch, Juni 29, 2005

Totaler Haß (André Glucksmann)

WELT 25.6.05

Totaler Haß
Die These vom Ende der Geschichte ist ein fataler Denkfehler

von André Glucksmann

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Schon 1978 benannte Khomeini, als er die islamische Revolution ausrief, die drei großen Feinde: den großen amerikanischen Satan, die Juden und die Frauen. Man hielt diesen Burschen für zurückgeblieben und seine Revolution für regionale Folklore. Aber sie breitete sich aus und entwickelte sich zu einer der großen mörderischen Ideologien, wie Kommunismus und Nazismus. In ihrem Namen begann man weltweit zu töten. In Algerien wurden Gymnasiastinnen ermordet, weil sie sich weigerten, den Schleier zu tragen, ebenso in Afghanistan und in Pakistan. Der Schleier wurde zu einer Uniform, die unter Androhung der Todesstrafe allen Muslima in der Welt aufgezwungen wurde. Die nichtmuslimischen Frauen waren ohnehin nur Huren. Dieser antiwestliche Haß hat sich seither von Teheran aus über die ganze Welt ausgebreitet.

Die These vom Ende der Geschichte ist also ein gefährlicher Denkfehler. Hamlets Frage bezeichnet, über alle Grenzen hinaus, den Horizont eines vollständigen Untergangs. Sein oder Nichtsein.

Was enthüllte der 11. September in Manhattan? Eine Zerstörungskraft, die derjenigen von Hiroschima entspricht, die Möglichkeit eines Desasters vergleichbaren Ausmaßes, und das zu Unkosten, die dem Preis einer Acht-Zimmer-Wohnung in Madrid oder in New York entsprechen: die Summe, die für eine Pilotenausbildung und für eine zweijährige Vorbereitung aufgebracht werden muß.
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Die Entscheidung über Leben und Sterben der Menschheit war bis zum 11. September 2001 das ausschließliche Privileg der Besitzer der absoluten Waffe. ... Heute haben die "Großmächte" das Monopol der Zerstörung verloren. Die Studenten, die den Anschlag von Manhattan planten, wohnten in Hamburg neben anderen Studenten, die sich friedlich auf ihre Prüfungen vorbereiteten. Was macht man, wenn man einer Situation nicht gewachsen ist und sich angesichts einer Gefahr zu schwach fühlt? Man wird ohnmächtig, bemerkte Sartre in seiner Theorie der Emotionen. Angesichts von Manhattan hat ein großer Teil der Menschheit die Augen geschlossen und einen Schlaf fortgesetzt, auf den es kein Recht mehr gibt.

In Wahrheit ist unsere Angst zwiefach. Die Zerstörungsfähigkeit hat sich nicht nur auf schreckliche Weise demokratisiert, die Entschlossenheit zur Vernichtung befällt nunmehr eine große Zahl von Fanatikern.

Man stelle sich eine arme Frau vor, die gerade die Treppen im World Trade Center putzt und eines der Flugzeuge auf sich zurasen sieht. Man stelle sich weiter vor, daß sie den Piloten, zum Beispiel Mohammed Atta, fragt: "Warum? Warum ich? Warum hier? Was haben wir getan?" Was würde der Pilot antworten? "Hier gibt es kein Warum." Dieselbe Antwort gab der SS-Mann, den Primo Levi fragte: "Warum?" Kein Warum! Jeder beliebige ist verurteilt, wie jene 60 verschiedenen Menschenarten, Schwarze, Gelbe, Weiße, Spanier, Portugiesen, Franzosen, Amerikaner, Reiche und Arme, Frauen und Männer, die allesamt in den brennenden Türmen gefangen waren, weil sie sich gerade dort befanden. So wie der Jude vergast wurde, weil er als Jude geboren wurde, und der Tutsi mit der Machete getötet wurde, weil er als Tutsi zur Welt kam. In dieser Entschlossenheit, jeden Beliebigen zu töten, in dieser Möglichkeit für den Mörder, alles für erlaubt zu halten, liegt das teuflische Grundaxiom. Der Anschlag von Manhattan vereint die physischen Möglichkeiten von Hiroschima mit der mentalen Einstellung von Auschwitz.

Der altgewohnte Feind ist verschwunden, jener, der einen "Block" sowjetischen Typs bildete. Unsere neuen Feinde erweisen sich als unbestimmt und schwer zu fassen. Um diese neue Gegnerschaft zu definieren, schlage ich den Begriff des Nihilismus vor.
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Man glaube ja nicht, daß eine so verbrecherische Verirrung auf den Islam beschränkt sei. Im Juli 2000 bin ich nach Tschetschenien gereist, heimlich, denn die russische Regierung will keine Zeugen für ihre Untaten haben. Das war einige Monate, nachdem Grosny (400 000 Einwohner) dem Erdboden gleich gemacht worden war. Ich reiste teils zu Fuß mit tschetschenischen Rebellen, teils in den Autos von Offizieren der russischen Geheimpolizei (FSB). Die Obristen ließen sich ihre Dienste vom Meistbietenden reichlich bezahlen, sie transportierten Waffen, manchmal aber auch Schwerverletzte für einen bestimmten Dollarbetrag. Unser Transport kostete 800 Dollar für 100 Kilometer. Mein Chauffeur war ein Kaporal, etwa 40 Jahre alt, ganz entspannt in Zivil und Hemdsärmeln, in seinem Geländewagen liefen endlos die Songs der Rolling Stones. An seinem Handgelenk hing ein goldenes Plättchen mit der Inschrift "Get what you want", eine Verkehrung des Refrains von Mike Jagger "You can't always get what you want". Denn die russische Armee stellt mit der Zivilbevölkerung in Tschetschenien an, was sie will. Sie entführt Kinder und zwingt deren Familien, sie wieder freikaufen. Es ist eine nihilistische Armee, die glaubt, daß ihr alle Morde, öffentlichen Vergewaltigungen und Plünderungen erlaubt sind.
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Aus dem Französischen von Manfred Flügge. Auszug einer Rede von André Glucksmann in Madrid am 4. Mai 2005 gehalten hat. In Kürze erscheint bei Nagel & Kimche sein Buch "Hass. Rückkehr einer elementaren Gewalt" (288 S., 19,90 EUR).

Artikel erschienen am Sa, 25. Juni 2005